Exkursion zur „Wiege der Raumfahrt“
Ein Ausflug zur ehemaligen Raketenversuchsanstalt Peenemünde
28./29.4.2001
Eigentlich wollte ich im Bett liegenbleiben, war dann aber doch pünktlich um 07.30 Uhr auf dem Bahnhof Berlin-Lichtenberg. Hier sollte eine Exkursion des Science Fiction Clubs ANDYMON zur ehemaligen Raketenversuchsanstalt in Peenemünde starten. Der Jules Verne Club beteiligte sich mit 7 Leuten. Nach 10 Minuten rollte der Zug an. Einige Clubkameraden vertrieben die Müdigkeit mit einem Pilsener, ich zog ein Nickerchen vor.
Der Jules Verne Club logierte im Ostseebad Bansin
Mittags erreichten wir die Insel Usedom. Während die „Andymonier“ ihr Quartier in Karlshagen bezogen, legten wir „Vernianer“ einen Zwischenstopp in Zinnowitz ein, die einen verbrachten ihn am Strand, die anderen beim Chinesen. Beide Clubs trafen schließlich pünktlich in Peenemünde zusammen. Autofahrer Kai S. nebst Freundin Manuela waren bereits vor Ort.
Für Herrn Schmidt war es heute schon die dritte Führung im Historisch technischen Informationszentrum Peenemünde. Aber seine Stimme und wir hielten bis zum Schluß durch, nicht zuletzt wegen seinen gut erzählten historischen Geschichten. Bevor Herr Schmidt hier Führungen gab, war er NVA-Offizier in Peenemünde, was bis 1936 nur ein kleines Dorf war.
Im Jahre 1936 mußte das Dorf aus Gründen der Geheimhaltung verschwinden. An diesem, zuvor von Wernher von Braun persönlich ausgewählten Ort, entstand dann die Raketenversuchsanstalt, erfuhren wir. Ab den 50er-Jahren war Peenemünde eine Flieger- und Marinebasis der NVA.
Eine Fieseler 103 Flügekbombe, bekannt als "V1"
Nun kam etwas Bewegung in die Gruppe, wir gingen zu einer ca. 14 m hohen A4-Rakete (später auch „V2“ genannt, das „V“ steht für Vergeltungswaffe). A4 lernte ich, heißt eigentlich Aggregat 4 und wurde aus mehreren Test-Aggregaten entwickelt. Schmidt fing an, das Aggregat in Gedanken vor uns zusammenzubauen: „Spitze mit Nutzlast... Kreiselsteuerung... Treibstofftanks... Antrieb.“
Eine A4 verbrauchte über 3,6 t an Treibstoff: flüssigem Sauerstoff und einer Mischung aus Methanol und Äthylalkohol. Den Sauerstoff stellte man in einer eigens auf dem Gelände errichteten Fabrik her. Den Rohstoff für den Alkohol bildeten Kartoffeln (ca. 30 t für einen A4-Start!). Bei ca. 6.000 produzierten A4 stand damit eine erhebliche Menge an diesem wichtigen Nahrungsmittel nicht mehr für die menschliche Ernährung zur Verfügung.
Wernher von Braun (1912 - 1977) war Ingenieur, Visionär, NSDAP-Mitglied und der wissenschaftlich-technische Leiter der eeresversuchsanstalt Peenemünde. Die Nationalsozialisten waren besessen von der Weltherrschaft, er vom Raketenflug, eine unheilvolle Verbindung, die beide eingingen. Von Braun hatte den Traum vom Flug zum Mond und dazu mehere tausend Ingenieure und Zwangsarbeiter zur Entwicklung einer Rakete, allerdings nicht als Raumfahrzeug, sondern als Waffe im Luftkrieg gegen England.
Eine A4-Rakete (von der NS-Propaganda als "V2" bezeichnet)
Am 3. Oktober 1942 erreichte eine A4-Rakete die Grenze zum Weltraum. Es wurde mit der Serienproduktion der A4 in Peenemünde begonnen. Die logistischen Voraussetzungen waren gegeben, die der Infrastruktur sowieso: eigenes Kraftwerk, Windkanal, diverse Produktionsräume, Startrampen, Unterkünfte, Zwangsarbeiter-lager, ein eigenes S-Bahn-Netz.....
Herr Schmidt schritt strammen Schrittes von der fliegenden Bombe Fi 103 („V1“) zum monströsen Kraftwerk, jedenfalls für die damaligen Verhältnisse. Eine Menschentraube klebte an ihm. Das Kesselhaus des Peenemünder Kraftwerkes, erbaut in Rekordzeit, lieferte seit 1942 Strom und Wärme für die Heeresversuchsanstalt und blieb im übrigen bis 1990 am Netz. Hauptsächlich zu Tarnungszwecken wurde das Kraftwerk (1000 t Stahlbeton) mit 22 Mio. Ziegelsteinen verkleidet, die Schlote gaben aufgrund wirkungsvoller Filtertechnik kaum Rauch in die Umgebung ab.
Auf dem ehemaligen Stützpunkt der NVA sind auch diverse Militärflugzeuge zu besichtigen
Es half letztendlich nicht viel. Die Peenemünder Raketenversuchsanstalt wurde bombardiert, die Produktion mußte in den berüchtigten „Stollen Dora“ bei Nordhausen verlegt werden. Deutschland verlor den 2. Weltkrieg. Daran änderten auch die V1 und V2 nichts. Die V2 forderte ca. 9.000 Opfer beim Kriegseinsatz, ca. 20.000 Häftlinge kamen dafür bei der Raketenproduktion um’s Leben.
Neben dem Raketenversuchsgelände liegt das sowjetische U461 als "schwimmendes U-Boot-Museum"
Nach 1945 ging ein „German Rocket Team“ im Rahmen der von den Amerikanern „Operation Paperclip“ genannten Initiative in die USA, mit dabei: Wernher von Braun. In Hunsville (Alabama), der gegenwärtigen Partnerstadt von Peenemünde, war von Braun wesentlich für den Bau und Start des ersten amerikanischen Erdsatelliten (Explorer I), außerdem für die Entwicklung der Saturn-Rakete und des Apollo-Programms verantwortlich.
Kai S. und Gunnar H. übernehmen das Kommando auf der Brücke des NVA-Raketenwerfers
Wir hatten derweil die Ausstellung im Kraftwerksgebäude gestriffen und schauten gespannt zur Wand. Es lief der Film „Es begann in Peenemünde“, eine historische Dokumentation, bei der auch Zeitzeugen zu Wort kamen. Wenig später verabschiedeten wir Herrn Schmidt mit Applaus.
Kapitänleutnant N. peilt die Lage
Nach kurzer Pause ging es weiter mit der Erkundung des Geländes. Wir wollten noch die Flugzeuge, Hubschrauber und den ehemaligen NVA-Raketenwerfer im Hafen sehen. Eine Mehrheit besichtigte auch noch das russische U-Boot U461, das neben dem Raketenversuchsgelände liegt. Dann wurde es Zeit, in unser Hotel nach Bansin zu fahren. Dort wartete auch ein Abendessen im „Klabautermann“ auf uns, zwischen Seekarten und Fischernetzen unterhielten wir uns prima.
Ein schöner Strandspaziergang über Heringsdorf nach Ahlbeck
Am Sonntagmorgen gab es einen prächtigen blauen Himmel und strahlenden Sonnenschein. Wir entschieden uns für eine Strandwanderung über Heringsdorf nach Ahlbeck, vorbei an schönen Villen aus der Kaiserzeit. An der Ahlbecker Strandpromenade spendierte Kai B. ein leckeres Mittagessen - ein schöner Abschluß unseres Ausfluges.
Bericht: G. Heiden Fotos: D. Michaelis
(C) 2001 Jules Verne Club Berlin
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